Erinnerungskultur

In diesem Beitrag möchte ich auf zwei  historische Mahnmäler hier in Budapest eingehen – ein (wie ich finde) gutes und ein schlechtes.

Ein Mahnmal, das auch bei vielen Touristen beliebt ist, sind die Schuhe am Donauufer. Sie sollen an die Pogrome erinnern, die von faschistischen Pfeilkreuzlern während des Zweiten Weltkriegs an Juden verübt wurden. Dabei wurden die Juden aus dem Ghetto im 7. Bezirk an die Donau getrieben, dort erschossen und ins Wasser geworfen. P1010173

Das Denkmal besteht aus sechszig Paaren realistisch gestalteter Schuhe aus Metall. Die Schuhe von Frauen, Männern und Kindern, führen dem Betrachter plastisch vor Augen , was hier geschehen ist, ohne Bilder davon zeigen zu müssen. Das Mahnmal zeigt zudem, dass solche Verbrechen nicht irgendwo verübt wurden, sondern dort, mitten im Zentrum der Stadt, was damals genau so unvorstellbar war wie es heute wäre.

P1000145Die Schuhe werden außerdem „interaktiv“ genutzt. Passanten stecken Blumen in Schuhe  oder zünden daneben Kerzen an. Da sie ein schönes Fotomotiv darstellen, kommen viele Touristen vom nahegelegenen Parlament kurz hier vorbei. Natürlich kann man kritisieren, dass das Denkmal zu leicht „konsumierbar“ ist und für viele nur als nettes Fotomotiv herhält. P1010174Ich finde es aber gut, dass dadurch viele Menschen, die sich ansonsten auf ihrem Urlaubstrip wahrscheinlich nicht mit solchen ernsthaften Themen beschäftigen würden, aus diesem Grund hierherkommen und dann zwangsläufig kurz innehalten und zum Nachdenken angeregt werden. Aus disem Grund sind die Schuhe am Donauufer für mich ein gelungenes Beispiel für Erinnerungkultur.

Gar nicht gelungen ist dagegen das letztes Jahr von der Fidesz-Regierung veröffentlichte Mahnmal zum Gedenken der Oper der deutschen Besatzung auf dem Freiheitsplatz.

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Nazi-Deutschland (oben) und Ungarn (unten)

Dargestellt ist der deutsche Reichsadler, der Ungarn, das durch durch den Erzengel Gabriel symbolisiert wird, angreift. Abgesehen davon, dass natürlich weder das Konzept noch die künstlerische Umsetzung ein großer Wurf sind, wird es vor allem kritisiert, weil Ungarn hier pauschal als unschuldig dargestellt wird und nicht zwischen Tätern und Opfern differenziert wird.

Von Historikern und Demostranten wird die Darstellung als Geschichtsverfälschung kritisiert. Die Fidesz-Regierung geht davon aus, dass P1010125 Ungarn an den Geschehnissen des Holocausts keine Schuld trägt, da es unter deutscher Besatzung stand. Nach Ansicht von Historikern war Ungarn jedoch ein wichtiger Verbündeter Nazi-Deutschlands. Auch hier wurde die Deportation und Tötung von Juden systematisch durchgeführt, zunächst unter Reichsverweser Miklós Horthy, dann unter der Diktatur der Pfeilkreuzler (siehe oben).

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Zeichen des Protestes vor dem neuen Denkmal

Auch wenn das ungarische Volk selbstverständlich Opfer der deutschen Besatzung wurde und ein Denkmal dafür legitim ist, besteht also Anlass, sich auch mit der ungarischen Verantwortung auseinanderzusetzen.

Wegen der plumpen, geschichtsverfälschenden Darstellung, gab es Proteste gegen das Denkmal und immer noch dominieren die Protesttafeln vor dem „Kunstwerk“. Mich freut es natürlich, dass viele Touristen sogar ausschließlich davon Fotos machen. Das eigentliche Denkmal  wird beinahe übersehen. Wenigstens ein kleiner Triumph der Gegner der Regierungspolitik.

 

Anmerkung: Meine Informationen über das Denkmal für die deutsche Besatzung habe ich aus diesen beiden Artikeln von Spiegelonline und taz.de:

 

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